Buenos Aires, Argentina

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Apr 15 - Apr 25, 2011

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Das Gefühl auf Reise zu sein kam wieder. Nach dem Monat in Cordoba war ich wieder bereit neues zu entdecken. Es ging nach Buenos Aires, zum zweiten Mal.

Eigentlich hätte ich Besuch aus Europa bekommen sollen. Nesrine, die ich in Kuba kennengelernt hatte, wäre für eine zeitlang nach Argentinien gekommen. Doch komplizierte Bürokratie hat das schließlich verhindert. Stattdessen verbrachte ich die Zeit mit alten Reisegefährten. Ich traf mich mit Henrike und Gabriela. Wir hatten uns in Ushuaia kennengelernt. Henrike studierte gerade ein Auslandssemester in Buenos Aires, Gabriela lebte dort. Genauso wie Alfonso und Florencia, Freunde aus einem Austauschsemester in Frankreich, die mich zu sich einluden.

Dazu traf ich Megan und Kayla wieder. Das waren die beiden Mädels gewesen, bei denen unsere 4er Truppe in Kalifornien zum ersten Mal couchgesurft hatte. Die beiden waren nach Argentinien gekommen, um hier ihr Glück zu versuchen - ohne konkrete Pläne. Einfach mal eine zeitlang in einem anderen Land leben und arbeiten. Eine schöne Facette der amerikanischen Kultur, ein Stück Wagemut, einfach mal was neues zu probieren.

Wir verbrachten die Zeit damit noch einmal Buenos Aires auszukosten. Ein letztes Mal Steak, ein letztes Mal die schillernden Facetten dieser südamerikanischen Metropole erleben. Henrike vermittelte mir auch einen Couchsurfer, Fernando, bei dem ich unterkommen konnte. Fernando überließ mir teilweise sogar seine Wohnung, als er selbst Ostern wegfuhr.

Ein paar Tage verbrachte ich auch bei Oga und Carsten, dem Paar, dass ich in Calafate kennengelernt hatte. Die beiden Weltbereisten hatten mich zu sich eingeladen. Wir verbrachten ein paar schöne Tage bei leckerem Essen und guten Gesprächen über Kulturen und die Erkenntnisse des Reisens. Oga sagte etwa: "Travelling is no purpose, but it helps you find yours." (Reisen ist kein Zweck [für sich selbst], aber es hilft dir deinen [Zweck] zu finden.

Auch die beiden hatten es gewagt, etwas neues zu versuchen. Ihr Mut hatte sie mit vielen Erfahrungen und einigen Schätzen belohnt. Sie hatten viel zu erzählen, es sprudelten die Denkanstöße. Die beiden werden auf ihrer nächste Etappe übrigens nach Berlin ziehen. Wer möchte, den nehm' ich mal zum Besuch mit. Es lohnt sich.

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Apr 25, 2011

Es war irgendein x-beliebiger Sonntag. Ich war noch kaputt vom Feiern des Vorabends. Ein paar Leute aus dem Hostel gingen schwimmen. Willst du mitkommen, fragten sie mich. Doch ich holte lieber noch etwas Schlaf nach. Da war noch alles ok.

Als ich später aufwachte war auf einmal eine merkwürdige Stimmung im Hostel. Die Mitarbeiter standen schweigend zusammen in einem Kreis, die Stille zerschnitt das sonst so lebendige Hostelleben. Ich fragte was passiert sei. Es habe einen Unfall im Schwimmbecken gegeben. Ein Mitarbeiter des Hostels, der mit auf dem Ausflug war, habe einen Stromschlag gekriegt und war sofort tot.

Ich war geschockt. Mir war unwohl. Das Gefühl, das sich nach dieser Nachricht in mir ausbreitete, lässt sich kaum beschreiben. Es war irgendwie surreal, es passte nicht hierher, nicht in diese Welt.

Am Abend zuvor hatte mir noch genau dieser Mitarbeiter ein Bier verkauft. Ganz banal. Ein Mädchen hatte erzählt, wie er sie beim Feiern küssen wollte, und sie keine Lust hatte. Was eben so passiert. Er war Teil des ganz normalen, alltäglichen Umfeldes gewesen. Und jetzt war er tot.

Er war Argentinier gewesen, Anfang 20. Aus dem ärmeren Norden des Landes stammend, war er hierher gekommen, um zu arbeiten. Vielleicht um später zu studieren. Vielleicht um einfach sein Glück in der großen Stadt zu suchen. Er hatte keine besondere Lebensgeschichte, im Gegenteil. Er war eigentlich ganz normal.

Im Laufe des Abends erfuhren wir dann mehr darüber, was geschehen war. Für einen kurzen Moment sollen die Lichter bei der Schwimmanlage angeschaltet worden sein. Durch einen Defekt (?) soll dadurch für einen Bruchteil einer Sekunde die Metallleiter am Beckenrand elektrisch geladen gewesen sein. Als man ihn später fand, soll sich seine Hand noch an der Leiter festgeklammert haben. Am nächsten Tag stand es groß in der Zeitung.

Dieses Ereignis wollte so gar nicht in das Kurzlebige eines Hostels passen. Die Menschen hier sind meist gut gelaunt. Die Reisenden erzählen ihre Geschichten. Wo sie waren, wo sie herkommen. Viele verschiedene Menschen treffen aufeinander. Sonst ist es laut, bunt, schrill. Es gibt immer etwas neues, Menschen kommen und gehen. Das Leben ist hier nicht so ernst. Bevor man sich versieht ist man schon wieder im nächsten Hostel und hat fast vergessen, was am Tag davor war. Diesmal war es anders.

An diesem Abend fragte mich noch eine Israelin: "Heute wird es nicht so viel Party geben, oder?" Das sonst so entspannte Hostelleben konnte dieses Ereignis schwer aufnehmen.

Auch mir fällt es schwer, so ein Ereignis einzuordnen. Für Tod gibt es in unserem alltäglichen Leben einfach keinen Platz. Wenn dann etwas passiert, wissen wir gar nicht, was wir damit anfangen sollen. Zuerst kommt Trauer, doch welche Bedeutung geben wir diesem Ereignis danach? Ändern wir unser Leben? Versuchen wir so einen Fall zu ignorieren?

Hilft man sich nicht manchmal damit zu sagen, dass einem so etwas nicht passieren könne? Das Krasse an der Sache war, dass es jedem hätte passieren können. Es war kein Unfall beim Extremsport, kein waghalsiger Selbstversuch. Da war ein Junge, der schwimmen ging. Was Normaleres könnte es geben?

Ihn hatte es getroffen. Es hätte eigentlich jeden treffen können. Jeden, der an diesem Tag im Schwimmbad war. Jeden, der an diesem Tag überlegte ins Schwimmbad zu gehen. Jeden, der irgendwann mal schwimmen geht. Jeden.

Wird man sich dessen bewusst, wird auf einmal deutlich, wie schnell es passieren kann, dass es einen von heute auf morgen nicht mehr gibt. So plötzlich, so unerwartet. Egal wo ich bin, egal wie ich lebe, egal was ich tue. Dieser Junge wird an diesem Tag nicht anders aufgewacht sein als jeder andere auch.

Mir fällt es schwer, dieses Ereignis zu verdauen. Während ich diesen Text schreibe, springen oft die Gedanken. Ich verliere mehrfach den roten Faden, an vielen Stellen fehlen mir die Worte. Irgendwie kann das Gehirn diesen Vorfall nicht erfassen, nicht begreifen. Ich habe keine Antwort darauf.

Ich glaube, irgendwann muss man sich mit diesen "Etwas" namens Tod auseinandersetzen. Eine Realität, ohne die man bisher gut leben konnte, schlägt einem plötzlich brutal und ganz wahrhaftig ins Gesicht. Jemand ist auf einmal tot. Das ist dann so. Wie nimmt man das hin? Wie realisiert (im wahrsten Sinne des Wortes) man, was das ist?

Tod gehört zum Leben dazu. Daran gibt es nichts zu rütteln. Dennoch, dieser Satz allein macht deutlich, wie unfähig unsere Sprache und unser Verstand sind, ihn einzuordnen. Wenn die Gedanken versuchen, Tod zu begreifen, verlaufen sie sich. Sie enden in einer Sackgasse. Man kommt zu keinem sinnvollen Schluss.

Vielleicht ist das so, weil es Gedanken nur im lebendigen Gehirn geben kann. Vielleicht können sie nicht außerhalb des Lebens existieren. Sobald man stirbt, gibt es auch keine Gedanken mehr. Vielleicht ist Leben und Tod daher die am schwierigsten zu begreifende Dualität.

Die Gedanken driften ins Philosophische, da ich keine Antwort habe. Vermutlich wird es die so schnell nicht geben, vielleicht auch nie. Was bleibt dann noch als Konsequenz? Eine Überlegung:

Wenn es jeden Moment passieren kann, dass man stirbt...
...sollte man dann nicht jeden Moment, den man nicht tot ist, leben?

Wie oft vergeuden wir unsere Zeit damit, uns über banales zu ärgern? Der Zug kam zu spät, ein Stück Korken ist in den Wein gefallen oder der PC war wieder zu langsam. Kleine Dinge bringen uns auf die Palme. Dabei ist das doch so unwichtig.

Mich hat dieses Ereignis dazu aufgefordert, mein Leben bewusster leben zu wollen. Mehr Freude aufzubringen für die schönen Momente des Lebens. Und die anderen gelassener hinzunehmen.

Irgendwo habe ich mal gelesen, nur wenn man richtig gelebt hat, ist man auch bereit zu sterben. Nur dann hat man keine Angst mehr vor dem Tod. Ich glaube da ist was dran. Für jeden wird einmal der Zeitpunkt kommen. Dann wird sich herausstellen, ob man auf ein gelebtes Leben zurückschauen kann, oder ob man bereut, Dinge nicht getan zu haben. Was dann herauskommt, kann man beeinflussen. Noch heute. Nur: Das muss man alleine angehen. Es liegt an jedem selbst...

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about 1 year ago by Isa

wahre Worte, die mir auch schon in den Sinn gekommen sind, nur nicht so poetisch!!! von daher: du machst alles richtig und ich bin froh, dass du nicht in diesem Pool warst! Carpe diem! Es warten noch so viele Abenteuer auf dich :D see you soon amigo!

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about 1 year ago by Paul

Hey Sophie, ist kein einfaches Thema, habe mich auch durchgerungen, aber danke dir für das Feedback. Sommerregen ist schön.. :) Denise, thank you too.. Spiegel is a big name :). And yeah, of course I remember who you guys were. I even remember age, profession and Antartica :) I am actively considering visiting you guys upon return.

about 1 year ago by Sophie

Wow, wirklich großartiger Text. Ich würd gerne irgendwas Sinnvolles dazu schreiben, aber mir fehlen die Worte dafür. Genieß deine große Reise weiterhin...Grüße aus Sommerregenpotsdam

about 1 year ago by Denise

Hi Paul. Just wanted to let you know that I'm happy to read you're doing good and that you've got the travel spirit back. I read this blog with much interest, very well written, der Spiegel-worthy. Chao! Denise (we met in Ushuaia, I was traveling with Elmer) from Amsterdam!