Cordoba, Argentina

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Mar 10 - Apr 14, 2011

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Apr 14, 2011

Kein Sightseeing. Keine Tour. Keine Natur anschauen. In Cordoba entschloss ich mich für eine Pause. Nach mittlerweile 7 Monaten brauchte ich einfach mal einen Moment, um die vielen Eindrücke zu verarbeiten. In der zweitgrößten Stadt Argentiniens und zugleich studentischem Zentrum des Landes fand ich eine WG. Ich wohnte zusammen mit drei Argentiniern, einer Spanierin und einem Iren.

Für einen Monat genoss ich das WG-Leben, verbesserte mein Spanisch, ging regelmäßig schwimmen, lernte kochen und hatte Gelegenheit Leute mal für einen längeren Zeitraum kennen zu lernen. Ganz normale Dinge also - mal für eine zeitlang ohne Gletscher, Canyons und Nationalparks.

In der Zeit hatte ich auch Gelegenheit die argentinische Kultur besser kennenzulernen. Ich stellte fest, dass hier alles ein bisschen exzentrischer ist. Ein paar Eindrücke:

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Argentinien
Apr 14, 2011

Das Land hat viele Superlative. Die Zunge wird hier bestens verwöhnt: Fleisch, Wein, Eiscreme und Kaffeekulturen zählen zu den besten der Welt. Landschaftlich wie klimatisch hat das Land alles - von den kalten schroffen Bergen im Süden, bis zum tropischen Norden des Landes, von Naturwundern wie den Gletschern im Süden, den Bergen und Seenplatten im Westen, und den Iguazu-Wasserfällen im Osten des Landes. Naturliebhaber wie Stadtkinder kommen hier auf ihre Kosten, sei es etwa auf einer einsamen Pferderanch im Südteil des Landes, oder in der Welt- und Expatmetropole Buenos Aires. Dazu ist das Land einfach riesig. Im achtgrößten Land der Welt brauchte ich etwa 46 Stunden mit dem Bus von Calafate nach Cordoba, und das ist noch nichtmal die längstmögliche Strecke.

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Die Wirtschaft
Apr 14, 2011

Das Land hätte heute wohl südeuropäischen Lebensstandard, wäre da nicht dieser Vorfall gewesen. 2001 kam es zu einer Wirtschaftskrise, die unter anderem zur Folge hatte, dass der Wert vom Peso zum Dollar innerhalb kurzer Zeit von 1:1 zu 1:4 einstürzte. Argentinier waren es gewohnt, dass ihre Währung genau soviel Wert war wie der Dollar und fast so viel wie ein Euro. Heute haben viele beklagt, wie arm sie dadurch geworden sind. Mein Mitbewohner meinte einmal, 2001 habe die Mittelschicht Argentiniens zerstört.

Lebenshaltungskosten, in Buenos Aires etwa, liegen leicht über dem Niveau Berlins, Gehälter bei einigen Berufen grob gepeilt etwa auf der Hälfte vom deutschen Niveau. Das hat zur Folge, dass vor allem Studenten brutale Bedingungen vorfinden. Viele meiner Freunde arbeiten tagsüber Vollzeit und studieren abends von 18.00 - 23.00 Uhr. Um das Studium zu finanzieren, leben auch die, die nicht daheim wohnen, möglichst günstig. In unserem Gebäude wohnt auch eine 12er-WG Mädels, die sich ähnlich wie in Hostels eine 6-Betten Unterkunft in einem Zimmer teilt. Jedoch nicht für ein paar Nächte auf der Reise, sondern für das ganze Studium lang.

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Die Kultur
Apr 14, 2011

Der Lonely-Planet Reiseführer sagt, Argentinier fühlen sich wie Europäer, die darunter leiden, dass ihr Land nicht am reichen Europa sondern am armen Südamerika hängt. Das klingt zwar etwas dramatisch, aber da ist etwas dran. In Lateinamerika haben Argentinier den Ruf, sehr stolz und auch etwas arrogant zu sein. Dennoch haben sie aber auch wie die anderen Latinos die Tendenz, stark familiär orientiert zu sein. Viele wohnen teilweise bis nach dem Studium bei ihren Eltern und alle meine Freunde in Cordoba sprachen oft mit ihren Familien - Tanten, Onkels, Cousins und Kusscousins inklusive.

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Ein großes Thema in Argentinien ist die Liebe bzw. alles, was im erweiterten Sinne unter diesem Titel verstanden werden kann. Jetzt wäre es natürlich unmöglich und wäre ungerecht, alle Argentinier über einen Kamm scheren zu wollen. Deshalb versuche ich mal eher generelle Tendenzen zu beschreiben. Bitte nicht zu ernst nehmen!

In Argentinien gibt es viele schöne Frauen heißt es. Gerade Cordoba hat den Ruf, die schönsten Frauen Südamerikas zu haben, und viele Reisende haben das bestätigt. Sie gelten jedoch ebenso als anspruchsvoll, in Teilen zickig, und bezeichnen sich selbst sogar als hysterisch.

Für solch einen Frauentyp braucht es natürlich auch besondere Männer. Nicht umsonst genießt der argentinische Mann den Ruf mit vielen Fähigkeiten des Umgarnens ausgestattet zu sein: Selbstbewusstsein, Charme, Mut und manchmal auch ein Stück Aggressivität. Einmal war ich mit einem argentinischen Kumpel unterwegs. Als er im Club einige Mädels ansprach, drehten sich alle weg oder schüttelten mit dem Kopf. Auf die Frage wie es lief, sagte er großartig. Ich fragte wieso, es hatten doch alle verneint. Er jedoch war überzeugt, keines dieser Mädels meinte damit "Nein, hau ab", sondern alle sagten, "Nein, aber versuch es später nochmal". Argentinisches Selbstbewusstsein!

Vielleicht ist das auch der Grund, warum sich viele Ausländerinnen über die sie ständig angrabenden Argentinier beschweren. Ob sie wohl auch "Nein, aber versuch's später wieder" gemeint haben? Das Thema Liebe, Flirten, usw. ist so präsent, dass fast jeden Abend festgestellt wird, dass Frauen zu kompliziert und Männer zu einfach sind.

Argentinier und Argentinierinnen hier schwärmen übrigens gleichermaßen von Deutschen. Oft hörte ich, dass blaue Augen und blonde Haare uns zu besonders schönen Europäern machen. Das es in Deutschland auch viele Brünette gibt, wollten sie gar nicht glauben. Die Männer schwärmen dazu von der Unkompliziertheit der Frauen, die Frauen von den kultivierten und vertrauenswürdigen Männern.

Und woher kommt nun dieser Schlag Mensch? Selbstbewusst und ausdrucksstark zum einen, aber auch mal hysterisch und aggressiv? Meine Vermutung: Schuld ist das Fleisch. Pro Jahr konsumiert ein Argentinier im Durchschnitt etwa 70 kg Fleisch, das macht etwa ein Steak von 200g pro Tag (!). Nach den ersten Tagen in Argentinien, wo ich fast jeden Abend die fantastischsten Steaks aß, bemerkte ich auch bei mir einen Effekt. Ich war oft etwas ungehaltener, launischer, emotionaler. Nicht gravierend, aber ein bisschen. Dass dann viele hier regelmäßig ihre Portion Fleisch verdrücken, sorgt vielleicht auch ein bisschen für dieses Verhalten. Rrrrrr!

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Fußball
Apr 14, 2011

Keine Beschreibung von Argentinien ohne Fußball. Maradonna wird hier vergöttert und Messi ist jetzt schon heilig. Die Fußballspiele zwischen den Erzrivalen Boca Juniors und Riverplate (beide Buenos Aires) sind das am heißesten umfiebertste Derby der Welt noch vor Real Madrid und FC Barcelona (sagen die Argentinier). Und bei der Weltmeisterschaft schaut das ganze Land nur Fußball. Meine Natur ließ es natürlich nicht zu, den 4:0 Sieg der Deutschen gegen Argentinien in der letzten Weltmeisterschaft in irgendeinem Moment unerwähnt zu lassen. Ups! Jedes Mal wussten sie sofort wovon ich sprach. Ich traf einen Nerv. Selbst die Frauen, die sonst nicht ganz so fußballverrückt wie die Männer sind, sprachen bei diesem Spiel von einer Schande fürs Land und wurden richtig emotional.

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Ein besonderer Kuss
Apr 14, 2011

Was kommt jetzt? Ok - Stellt euch einen gelungenen Abend mit Freunden vor. Man sitzt zusammen, genießt die Zeit mit Musik, Alkohol und guter Stimmung. Egal, ob man gerade die Bekanntschaft gemacht hat, oder die Freunde schon länger kennt - Irgendwann muss man sich verabschieden. Bis zum nächsten Mal, sagen wir. Ich schlage die Hand wie gewohnt mit einem Kumpel. Auf einmal kommt er dazu noch auf eine Männerumarmung ran. Gut denke ich, etwas herzlicher. Ich vermute einen freundschaftlichen Klaps auf den Rücken. Doch auf einmal, bevor ich etwas dagegen tun kann, werde ich herangezogen und eine bärtige Wange drückt sich gegen meine. Die Befürchtung wächst. Da schnalzt plötzlich das Geräuch zum Luftkuss geformter Lippen in mein Ohr. Der Männerkuss. Mein erstes Mal. Kulturschock live.

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