Am Frühstückstisch unterhielt ich mich mit ein paar anderen Gästen, was es so Fairbanks zu sehen gäbe. Es waren einige Touristen dabei, aber auch viele Studenten, die in dieser Woche hier an der Uni anfingen. Darunter war Brooke. Sie hatte Nationalparkranger auf Bachelor in Colorado studiert und kam nun nach Alaska um hier ihren Master darin zu machen.
Brooke und ich sprachen über die kleinen und großen Ideen, dass es doch eigentlich auch zu einem Alaskabesuch dazu gehöre, mal an der Nordspitze* Alaskas in Deadhorse gewesen zu sein. Nur war das nicht so einfach. Zunächst mal ist die Strecke von Fairbanks bis dort hoch etwa 800 km lang. Sie ist nur im Sommer befahrbar und die Fahrbedingungen sind in Teilen sehr schlecht, da die sehr harten Winter die Straße immer wieder kaputt machen. Und schließlich gibt es nur zwei Tankstellen auf dem Weg und dementsprechend wenig Versorgung an Nahrung, Benzin und Hilfe, falls mal etwas passiert. Googlemaps sagte eine Fahrt von 16 Stunden voraus. Brooke und ich sprachen darüber, dass es sich wahrscheinlich nicht lohnen würde. Selbst wenn wir es schaffen (wollen) würden – am Ziel würde uns nur eine Ölbohrstation erwarten. Und die Belohnung sagen zu können, dass wir unseren Finger mal in den arktischen Ozean gehalten haben.
Wir entschieden uns dennoch dafür es zu tun. Am nächsten Morgen brachen wir mit einigen Vorräten und einem extra Benzinkanister auf. Brooke war mit ihrem Geländewagen bis nach Alaska hochgefahren, sodass wir ein gutes Auto hatten. So fuhren wir um 4 Uhr morgens am nächsten Tag los.
Nun wie kann man die Fahrt beschreiben? Die Fahrt selbst war sehr angenehm. Mental darauf eingestellt, dass es lange und zäh werden würde, habe ich mich kaum beklemmt oder gelangweilt gefühlt. Dazu hat die erneut atemberaubende Landschaft uns die Zeit gut vertrieben. Darüber hinaus gab es natürlich viel Zeit einen zunächst fremden Menschen innerhalb kurzer Zeit sehr gut kennenzulernen.
Die Strecke zeichnete sich durch mal mehr oder weniger gut ausgebaute bzw. durch die Witterung beschädigte Straßen aus. Man sah vielleicht alle 10 Minuten mal ein Auto. Hauptsächlich waren das große Trucks, die Dinge wie Ersatzteile, Nahrung oder Benzin zur Ölstation transportierten. Auf der Strecke wurden auch einige Bauarbeiten ausgeführt. Die damit beauftragten Bauarbeiter fahren dann die entsprechende Stelle an und zelten üblicherweise in der Gegend, bis der jeweilige Abschnitt fertig ist oder zwei Wochen rum sind. Dann kommt eine andere Schicht. Dieses Prinzip von zwei Wochen Arbeit vor Ort und dann zwei Wochen frei haben, haben wir hier öfters gefunden.
Am Ziel erwartete uns dann die Ölstation. Der Sonnenschein, der uns fast die gesamte Fahrt begleitete, war urplötzlich verschwunden als wir ankamen. Stattdessen gab es Eisnebel, dazu eine hässliche Kälte und starken Wind. Man hat sofort gemerkt, dass dieser Fleck Erde nicht für Menschen gemacht ist. Entsprechend rau war auch der Menschenschlag, den man dort traf. Es gab zwei Hotels, die aber letztlich nichts anderes waren als zusammengestellte Baustellencontainer. Wir wurden oft angesprochen, warum wir freiwillig hier hochgekommen seien. All das hatte fast schon Gefängnisatmosphäre. Wir fuhren das letzte Stück zum Arktischen Ozean, und berührten ihn schließlich. Und jetzt? Was war das wert?
Es bleiben zwei Eindrücke hängen. Zum einen hat sich mein Bewusstsein über Öl erweitert – wie viel es unserer Gesellschaft wert sein muss - dass es sich lohnt hier in einem der unwirtlichsten Teile der Erde eine 4000 Mann große, künstliche Industriestadt aufrecht zu erhalten. Die ausgereichten Mahlzeiten waren üppig und abwechslungsreich, es gab 6 verschiedene Desserts, 10 Sorten Obst und Gemüse – alles muss aufwendig und kostspielig herangebracht werden. Dazu braucht es viel Energie und Geld diese endlos lange Straße instand zu halten sowie die Pipeline aufzubauen. Hier arbeiten Menschen unter widrigsten Bedingungen, damit Autos fahren, Flugzeuge fliegen und Plastik entstehen kann. All das wird nur gemacht, weil unsere Gesellschaft so sehr nach Öl verlangt. Ironischer Beigeschmack war noch ein zehn Jahre altes Video von BP, was zeigte, wie vorsichtig und sorgfältig BP bei der Ölförderung angeblich vorginge.
Das zweite, was hängen bleibt, ist die Erkenntnis, dass es sich nicht lohnt zu reisen, nur um es getan zu haben. Zwar haben eine abenteuerliche Fahrt und berauschende Natur den Aufwand wett gemacht, und die Fahrt hat sich letztlich gelohnt. Nichts zuletzt aufgrund dieser Erkenntnis. Aber dort oben zu sein, und nur sein Foto abzuholen hatte letztlich keinen besonderen Wert. Das weiß man zwar eigentlich auch vorher, aber jetzt ist es mir weitaus bewusster. Ich denke, ich werde auch die weitere Reise dementsprechend anlegen. Auch mal was überspringen, wenn es für mich nicht reizvoll scheint. Schließlich sind Zeit und Geld begrenzt und es geht weniger darum einen Plan zu erfüllen, als bleibende Eindrücke und Erfahrungen mitzunehmen. Tja, was gelernt! Aber besser jetzt, als später.
*Nordspitze, da dies der nördlichste Punkt Alaskas ist, den man mit dem Auto befahren kann. Es gibt noch einige wenige Dörfer entlang der Küste, die nördlicher gelegen sind. Diese können aber nur mit dem Flugzeug oder Schiff erreicht werden.
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Nachdem Brook sich entschied, noch etwas in der Wildnis zu wandern, nahmen mich zwei Österreicher für den Rest des Tages mit. Beide waren sympatisch und ulkig. Der eine war gerade in Rente gegangen und entschloss sich zum ersten Mal in seinem Leben im Hostel zu schlafen. Wow!

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