Remedios, Cuba

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Dec 24 - Dec 24, 2010

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Nach Cienfuegos zog es uns weiter nach Remedios. In diesem kleinen Dörfchen sollten die Parrandas stattfinden, eines der größten Feste Kubas.

Mittlerweile war es der 24.12. Irgendwie drängte sich der Eindruck auf, dass hier vielleicht ein Fest geschaffen wurde, um einen Ausgleich für das fehlende Weihnachten zu bieten. Zwar habe ich nie offiziell gehört, dass Weihnachten nicht gefeiert werden darf. Doch nahezu komplett nicht vorhandenes Weihnachtsfeeling einschließlich fehlender Weihnachtsdekorationen und Weihnachtsprodukte ließ vermuten, dass das Regime vielleicht irgendetwas gegen das Fest hat. Weil es zu Amerikanisch ist? Wer weiß.

Ich musste unweigerlich an Konfirmation und Jugendweihe in der ehemaligen DDR denken. Hatte man da nicht auch ein Event geschaffen, um den Einfluss einer politisch ungeliebten Strömung (in dem Fall Kirche) zurückzudrängen und dem Volk eine attraktive Alternative geboten? Die Details kenne ich noch nicht. Aber Auslöser genug sich noch mehr mit der Vergangenheit der eigenen Heimat auseinander zu setzen?

Wir hatten viel über die Parrandas gelesen und die Erwartungshaltung war hoch. Am 24. fanden wir dann ein typisches Fest vor: Tagsüber viele Aktivitäten für Kinder, Fressbuden, und das ganze Zeug was man sonst findet: Losbuden, Hennatattoo-shops, Stände mit Krimskrams wie Leuchtreifen, Riesenteddys, etc. Erst zum Abend zeigte sich, dass wir in Kuba waren. Das ganze Dorf tanzte. Insgesamt waren die Parrandas aber doch eher ein normales Stadtfest, und nicht unbedingt das Spektakel, das wir uns erhofft hatten.

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Unsere Entdeckungsreise des Kubas von heute ging neben dem Sightseeing wie gewohnt weiter. So erwischten wir einmal einen Taxifahrer, der uns im Schutze der Fahrt über das Leben der Kubaner mit ganz konkreten Zahlen erzählen konnte. Auf der Straße findet man so gut wie keinen Kubaner, der sich auf derartige Diskussionen einlässt - vielleicht aus Furcht vor Überwachung?! Hier mal ein Überblick was er uns erzählt.

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Was bezahlt ein Kubaner für ..

Krankenversicherung - kostenlos
Wohnung - kostenlos, ggf. mit kleinen Aufschlägen für besondere Lagen
Ausbildung/Universität - kostenlos
Busticket im Stadtnetz - 0,007 €: weniger als 1 Cent
Buch - 0,15 €
Mahlzeit zu Preisen für Einheimische - ca. 0,20€
Benzin - 1€ pro Liter
Fernseher (Röhre, etwa vgl. mit dem was es bei uns vor 20 Jahren Standard war: ab 200€)
Kühlschrank - 1200€

Was verdient ein Kubaner im Monat?

So gut wie alle Jobs im Staatsauftrag zahlen etwa 15-25€ (!) im Monat, wie bspw.
Lehrer - ca. 20€
Angestellter in Staatsfirmen - ca. 18 €
Arzt - ca. 25€

Ausnahme: Alle die mit Touristen arbeiten, bspw.
Taxifahrer 500€
Zimmervermieter 500€

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Lässt man sich das mal auf der Zunge zergehen, stellt sich heraus, dass ein Taxifahrer etwa 20 Mal so viel wie ein Arzt verdient. (!!!)

Wen wundert es da, dass jeder nach Arbeit mit Touristen lechzt. Das führt zu den so genannten Jineteros. Das sind Kubaner, die neben ihrer regulären Arbeit aggressiv versuchen ein paar CUC zu verdienen. Wer ein Auto hat bietet inoffizielle Fahrten an. Wer in einer Zigarrenfabrik arbeitet verkauft seine monatliche Ration an Freizigarren. Wer nichts hat, was sich lohnen würde anzubieten, der begleitet Touristen unaufgefordert für ein Stück, erzählt etwas über Land und Leute, und verlangt hinterher eine saftige Summe.

Mit einer kurzen Taxifahrt von 5 € lässt sich so das dringend benötigte Geld für etwas Luxus (das geht schon bei Seife los) beschaffen. Wer seine Freizigarren für 40 € verkauft, kann sein Monatsgehalt beinahe verdreifachen. Was für ein System?!?!

Das Ganze geht sogar so weit, dass sich Frauen ganz aus eigenem Antrieb an männliche Touristen ranschmeißen. Bildhübsche Kubanerinnen bieten sich dann dem westlichen Touristen an. Zwar zahlt er ihnen kein Geld (das wäre illegal!), aber man geht nach dem Sex zusammen einkaufen, und er übernimmt die Rechnung. Auch mir wurde das des öfteren angeboten - für 5 € Gegenwert wäre ich dabei gewesen. Ich habe dankend abgelehnt. Was für ein System?!?!

Nie werde ich das Gespräch mit einem 53-jährigen Vater in einer unserer Gastfamilien vergessen. Er erzählte, in Kuba hält man es mit der Liebe recht locker. Das Land habe die höchste Scheidungsrate der Welt (Ich traf einen der bereits in der 7. Ehe war), und auch mit dem Geschlechtsverkehr ist man ganz unbekümmert. Treue sei in dieser Gesellschaft weniger wichtig als Romantik und knisternde Affären. Und überhaupt meinte er in Kuba sei Sex einfach ein viel entspannteres Thema als in der christlich-moralisierten, westlichen Welt. Jeder wisse, dass sein Partner nicht treu sei. Was für eine Gesellschaft?!?!

So erklärte ich es mir auch, dass sowohl Juliet als auch ich auf der Straße ständig angeflirtet wurden. Dieser Vater sagte dann auch: "Kubanische Mädchen sind keine Huren. Doch sie haben einen schönen Körper, den sie in schöne Kleider packen möchten, und sie möchten schön sein, mit Make-up oder Schmuck. Nach einer kurzer Affäre mit einem westlichen Touristen können sie sich dann etwas Makeup leisten (um die 5€), oder ein schönes Kleid kaufen. Dazu können sie etwas über die Welt außerhalb Kubas lernen, die wie jeder weiß in den Staatsmedien komplett verzerrt dargestellt wird. Sie wollen das Abenteuer! Sie werden nicht gezwungen!"

Was soll man dazu sagen? Aggressive Verkäufer auf der Straße, die dich wegen ein paar Euro ständig anschreien. Junge Frauen, die sich für wenig Geld hergeben. Bewertet man das mit den Werten, mit denen ich aufgewachsen bin, müsste man es verurteilen. Doch darf ich das so einfach? Viel zu wenig kann ich mir vorstellen, wie ein Leben mit 20€ im Monat aussieht, wenn alles Begehrenswerte um dich herum ein Vermögen kostet. Viel zu wenig weiß ich, wie die Moral in dieser Gesellschaft aussieht, welchen Wert Liebe, Sex und Partnerschaft tatsächlich haben. Ich bleibe der Beobachter.

Reisen zeigt mir, und Kuba ganz prägnant, wie man leben könnte, wenn Werte und Moral ganz anders wären. Ich lerne von dieser anderen Kultur. Hier leben Menschen in einem komplett anderen Kontext. Wer bin ich zu sagen, dass dies falsch wäre? Ich muss dem ja auch nicht zustimmen.

Wenn es um Kultur geht, gibt es irgendwie kein richtig und falsch. Oder wie eine Definition aus dem Studium mal sagte: "Kultur ist, wenn jeder meint, die Wahrheit zu besitzen."

So lösen diese Erlebnisse aus, sich mal mit den eigenen Werten auseinander zu setzen. Warum man manche Dinge tut und manche nicht. Warum man sich wie verhält. Was einen antreibt. Und so weiter. Egal, zu welchem Schluss man kommt, eins passiert auf jeden Fall: Man reift. Und kehrt bewusster zurück.

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