May 11, 2011
Eigentlich wollte ich Brasilien auf diesem Trip nicht ansteuern. Zu weit weg, zu teuer, zu kurz die Zeit, um einen Eindruck dieses riesigen Landes zu kriegen. Doch dann fand ich spottbillige Flüge von Iguazu nach Rio und entschied ich mich für einen kurzen Abstecher nach Rio.
Rio hatte ich mir lange Zeit als gefährlich und arm vorgestellt. Die Slumviertel der Favelas, der brutale Film City of God, die Kriminalitätsstatistiken der Stadt - all das hatte mich lange abgeschreckt, einen Besuch überhaupt in Erwägung zu ziehen. Doch ich hatte auch von mehreren Reisenden gehört, dass die Stadt sich verändert habe. Sie sei jetzt sicherer und reicher.
In Rio angekommen, stellte ich fest, dass beides stimmte - und in einem harten Kontrast zu einander stand. Da gab es die Favelas, in denen Menschen unter Wellblechdächern ohne Strom und Wasser hausten. Zeitgleich verwöhnte man sich in den Nobelvierteln um Copacabana und Ipanema mit Delikatessen und Luxusgütern aus aller Welt.
Rio, gerade an diesen Orten, war teuer. Doch das war auch gerechtfertigt, die Lage der Stadt ist phänomenal. Die Strände allein sind sehr schön, dazu kommt der Charme verspielter Berg- und Flusslandschaften in der Umgebung.
Die ersten Tage verbrachte ich bei einer Couchsurferin, Cristiane. Cristiane lud mich in die 40qm - Wohnung ihrer 5-köpfigen Familie ein. Für 3 Tage erlebte ich, wie das tatsächliche Leben einer brasilianischen Familie dort aussah, fern vom Glitzer der Nobelviertel. Mit ihrem Bruder teilten wir uns zu dritt ein Zimmer. Da ich kein Portugiesisch konnte, und nur Cristiane English, übersetzte entweder sie, oder wir saßen vor dem Computer und sprachen per Google Translator. Witzig. Mit unglaublicher Gastfreundschaft ließen sie mich an ihrem Leben teilhaben, brachten mir Samba bei (versuchten es), bekochten mich, und pflegten mich sogar gesund, als ich etwas krank wurde.
Im Gegenzug, versuchte ich die Familiengewohnheiten zu respektieren und kam mit zum sonntäglichen Gottesdienst. Was ich dort sah, war nicht mit dem zu vergleichen was man in Deutschland kennt. Statt brav der Predigt zu lauschen, gingen die Leute hier richtig ab. Sie stampften auf den Bodenrissen die Hände in die Höhe und schrien sich Wünsche, Sorgen oder Trauer aus dem Leib. Der Priester sagte seine Worte nicht, er schrie sie. Und im Hintergrund untermalte hin und wieder eine Band seine Zeilen, wie die Musiker die von Stefan Raab bei TvTotal.
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Religion, Sex und Moral
May 11, 2011
Von Mexiko bis Brasilien, Lateinamerika ist voll von katholischer Religion. Auf nahezu jedem Bus stehen hinter dem Fahrer Worte wie 100% Jesus oder der Herr sei mit mir. Im Portemonnaie eines Latinos sieht man meist ein Bild von Jesus, um den Hals dazu eine Kette mit Kreuz. Oft sieht man im Alltag das Kreuzzeichen (dieses gemalte Kreuz mit der Hand über dem Oberkörper), zum Beispiel wenn etwas misslungen ist, oder jemand sich selbst beruhigen will. Dazu finden sich viele opulente Bauten - die 40 Meter hohe Christusstatue Retentor in Rio etwa, oder die Kirche der Lady Guadalupe (s. Mexiko City)
Der strenge, katholische Glaube zeigt sich jedoch nicht nur nach außen, sondern auch im Verhalten. Unabhängig voneinander erzählten Bekannte in Mexiko und Brasilien, Mädels um die 25, sie seien Jungfrauen aus Überzeugung. In Ecuador hatte ich ähnliches kennengelernt. Sie waren hübsch, doch wollten sie bis zur Ehe mit dem ersten Geschlechtsverkehr warten - weil die Kirche das so sagt. Soll nicht heißen, dass das überall die Norm ist, aber man hört es an verschiedenen Stationen immer wieder. Außerdem ist es eigentlich fast überall verpönt, Freund oder Freundin mit nach Hause zu bringen. Freunde aus Argentinien, Mexiko, Ecuador und Panama erzählten, eine Übernachtung bei ihm/ihr sei ein No-Go. Selbst wenn man schon älter ist, selbst wenn man länger zusammen ist. In manchen Familien ist eine Übernachtung selbst nach der Heirat unerwünscht. Das zu Hause soll heilig sein. (Ausnahmen, hat mir man mir gesagt, gibt es wohl in westlich-geprägten Familien oder wenn noch jemand mit im Zimmer schläft.)
Gleichzeitig aber haben die Latinos auch den Ruf, sehr freizügig zu sein. Und das nicht zu unrecht. Die Tänze hier sind unheimlich körperbetont, sogar so sehr, dass das manchmal weniger ans Tanzen erinnert. Es gibt eine starke Identifizierung mit dem eigenen Körper. In Brasilien sind Schönheitsoperationen sehr beliebt. Brust, Nase oder das Lächeln lässt man sich optimieren. Selbst an den Pobacken wird operiert und Silikon gespritzt. Am Copacabana-Strand sieht man das. 185 Schönheits-OPs pro 100.000 Einwohner gibt es angeblich, in Deutschland sind es wohl 40. Schönheitswettbewerbe in der Schule sind so beliebt wie ein Fußballturnier. Schminke, Schmuck und aufgedonnerte Outfits sieht man viel üppiger als bei deutschen Mädels und die Männer behaupten auch selbstbewusst und gern, hervorragende Lover zu sein.
Doch wie kann das zusammen funktionieren? Religion und Sex? Manch ein Latino gibt schon mal zu, dass das irgendwie nach Doppelmoral klingt. Teufelsparties mit den Freunden, und ein Engelsgesicht am Familientisch. Ich bin nicht sicher, ob die Leute das denn nun wirklich so meinen (so stark ihren Glauben ausdrücken und sich für ihre Sünden entschuldigen), oder ob das nur gute Miene und gesellschaftliche Fassade ist. So wie sie es zeigen, etwa im Gottesdienst, lässt es vermuten, dass sie es wirklich so meinen. Hinterher gehen sie dann aber trotzdem wieder ab. Und genau das ist das Kuriose an dieser Kultur.

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