Sep 23, 2010
Seattle! Geburtsort von Microsoft und Starbucks, beinahe Hauptstadt grüner Ideen und des Recycelns – und – planmäßiger Ort unseres Autokaufs. Ja, wir hatten uns entschieden in Seattle ein Auto zu kaufen. Autokauf? Wir? Also von Anfang an.
Nach der Ankunft in Vancouver machte ich mich auf die Suche nach einem Auto. Dabei stieß ich auf Björn. Björn schrieb in einem Online-Forum, dass er ein Auto in Vancouver kaufen wollte, für einen Roadtrip entlang der US-Westküste. Das war auch mein Plan und so schrieb ich ihn an. Einfach um Erfahrungen auszutauschen, aber auch ein bisschen mit dem Gedanken im Hinterkopf uns vielleicht ein Auto zusammen zu kaufen, wenn wir miteinander auskämen. Es klappte und wir verabredeten uns. Ich traf auf einen 19-jährigen Hamburger (die deutsche Stadt!), der sich nach dem Abitur entschied für 9 Monate von Kanada nach Panama zu reisen. Es war verblüffend – seine Vorstellungen von der Reise und seine Erfahrungen mit der Abwicklung eines Autokaufs hätten meine sein können. Wir entschieden uns gemeinsam ein Auto zu kaufen.
Es sollte ein Clonker werden, ein altes, billiges Auto, das uns gerade noch nach Kalifornien brachte. Dazu ein Tansporter oder Van, damit wir hinten schlafen konnten. Aus Gründen von Kosten, Abgasbestimmungen, Bürokratie und Möglichkeit zum Wiederverkauf in den USA entschieden wir uns für den Kauf in Seattle statt in Vancouver. In Seattle angekommen ging eine nervenzerreibende Odyssee los.
Tag 1: Wir sitzen im Hostel und nehmen uns den Tag frei um die Formalitäten eines Autokaufs im Staat Washington zu recherchieren. Fahrzeugbrief, Versicherungsarten und -formen, Zulassung, Aufgaben des Käufers und Verkäufers – trockenste Materie, dazu gespickt mit sämtlichen amerikanischen Fachwörtern, die wir noch nie gehört haben. Collision Damage Waiver? Car Title? 50/100/10 Policy, und und und. Größtes Hindernis an diesem Tag: Als Nicht-Amerikaner kann man in Washington ein Auto kaufen, braucht aber eine Adresse, um sich 8 Wochen später den Fahrzeugbrief (Car Title) zu kommen lassen. 8 Wochen? Fällt leider flach, weil mein Visum für die USA nur noch 7 Wochen läuft. Und ohne Fahrzeugbrief mit einem dicken Van über die mexikanische Grenze? Lieber nicht.
Tag 2: Wir finden die Möglichkeit eines Quick Titles – eine Art Express Zustellung des Fahrzeugbriefes. Es dauert etwa 2 Stunden, eine Menge Anrufe, viel Verwirrung und viele Argumente, bis wir rausgefunden haben, dass wir diesen beantragen können. Wir finden dazu ebenso einige Infos zum Kaufprozess und legen für uns folgende Reihenfolge fest.
1. Möglichkeit klären ob wir überhaupt ein Auto kaufen können
2. Geeigneten Gebrauchtwagen finden (Van, mit Schlafmöglichkeit, für weniger als die vergleichsweise Anmietung)
3. Geeignete Versicherung finden
4. Auto zur Werkstatt zur Grobüberprüfung bringen
5. Versicherung abschließen
6. Auto kaufen
7. Auto per Quick Title registrieren
8. Losfahren und Roadtrip genießen
Am zweiten Tag beginnen wir dann damit Autos zu recherchieren. Wir gehen auf Craigslist, einer Webseite für Vermittlungen aller Art, und suchen nach einem Auto. Da wir nicht richtig wissen, wonach wir suchen sollen und uns vor allem die Vans der amerikanischen Marken fast gänzlich unbekannt sind, verläuft die Suche sehr zäh. Wir finden online wenig Brauchbares. Wir wechseln die Strategie und entscheiden uns Gebrauchtwagenhändler in der Nähe anzuschreiben. Aus der Vielzahl an Namen suchen wir uns drei raus. Der erste hatte keine Vans, der zweite stellt sich beim Vorbeigehen als Mercedes Händler raus und scheidet somit aus, und der dritte bietet uns einen fast ungefahrenen Honda an – für das Schnäppchen von $18.000. Wieder nichts. Jedoch ist der Dritte freundlich und zeigt uns Craiglist - Kennen wir schon! :-(.
Allerdings zeigt er uns auch ein paar Namen von Vans, die wir nehmen können, sodass wir aus den Tausenden dort gelisteten Autos die für uns relevanten filtern können. Wir konzentrieren uns seitdem auf die Suche nach dem Toyota Previa, dem Dodge Caravan und den Ford Econoline. Zudem hilft uns Arthur vom Gebrauchtwagenhändler auch mit einer entsprechenden Versicherung – eine Bekannte bietet uns an, uns für $500 für 2 Monate zu versichern. Mit den geringsten Haftungssummen! What?? Wir finden dann zwei Modelle und können sogar noch zwei am gleichen Abend ausmachen. Ein Ford Econoline 250, der für 2 Monate leider zu teuer ist ($3900), und irgendeinen anderen Van, der bei der Testfahrt aber auf einmal unverhofft nach hinten ausschlägt und damit ausscheidet. Mit qualmendem Kopf beenden wir die Suche für diesen Tag, und beschließen über den teuren Van nochmal eine Nacht zu schlafen.
Tag 3: Wie machen wir weiter? Wir teilen uns die Sache auf – Björn sucht von nun an nach weiteren Wagen und schreibt die Verkäufer an (Antwortrate: Gering), ich suche Autoversicherungen raus und versuche rauszufinden, ob und für wieviel sie deutsche Fahrer unter 25 Jahre für 2 Monate versichern. Diese Kombiniation scheint wohl die unglücklichste zu sein, Von den großen Versicherern nimmt uns entweder keine, nur für horrende Summen (z.B. Geico für $1.180!) oder reagiert erstmal gar nicht. An der gefühlt tausendsten Hotline rät uns jemand doch auf lokale Versicherungen zu gehen. Ich suche Autoversicherungen in Seattle raus. Ergebnis: Weit mehr als 100. Ich suche Autoversicherungen in Downtown Seattle, die mindestens 10 Bewertungen haben und im Durchschnitt mindestens 4 von 5 Sternen haben. Ich versuche ein paar anzurufen, habe aber wenig Erfolg. Die meisten nehmen noch nicht mal ab.
Ich beschließe in den Niederlassungen direkt vorbeizugehen. An diesem Freitagnachmittag kommen zwei Dinge zusammen: 1. Jede Menge Regen und 2. Fünf von Fünf Scheinadressen. Ich laufe zu den 5 Top lokalen Versicherern durch die ganze Stadt im strömenden Regen – und keine einzige existiert. Nichts. Kein Hinweis. Stattdessen finde ich Feuerwehr, Starbucks oder sonst ein Geschäft an diesen Adressen. Die Suche scheint verdammt. Auch Björn hat an diesem Tag keinen Erfolg mit einem weiteren Auto gehabt.
Wir überlegen was wir tun sollen. Unsere derzeitige, einzige Option ist der Ford Econoline, den wir inzwischen auf $3300 runterhandeln konnten.
Dazu mit der einzigen Versicherung, die wir vom Gebrauchtwagenhändler hatten, allerdings dann der nächsthöheren, für uns angemessene Haftungsklasse für $600 und etwa $200 Gebühren für Registrierung und Expresszuschlag kommen wir auf $4100 Kosten für ein Auto für 7 Wochen. Um das Ganze noch zu verkomplizieren sind die Chancen auf einen Wiederverkauf mit entsprechendem Wert sehr gering. Zum einen, weil wir in Kalifornien, wo wir das Auto abgeben wollen würden, kaum Zeit hätten das Auto zu verkaufen und somit den erstbesten Preis nehmen müssten (Unser Verkäufer bietet den Ford schon seit 2 Monaten erfolglos an). Dazu hat Kalifornien gerade als einziger US-Staat verschärfte Umweltbestimmungen erlassen, sodass wir gar nicht wissen ob wir unseren 1992er Van dort überhaupt verkaufen dürfen.
Mit der Möglichkeit mit zusätzlichen Kosten in einem anderen Staat zu verkaufen und mit einer pessimistischen Kalkulation gehen wir von $1500 Wiederverkaufswert aus. Macht $2600 für den Ford Econoline 1992 plus vorprogrammiertem Verkaufsstress. Als Notlösung falls der Verkauf scheitert überlege ich, das Auto Björn abzukaufen, allein nach Mexico und Mittelamerika zu nehmen und dann in Panama wieder zu verkaufen.
Ist es uns das wert? Tun wirs? Wir müssen eine Entscheidung treffen. Nach der langen Suche können wir uns einfach nicht vorstellen, jetzt doch kein Auto zu haben. Und wir mögen den Van, weil er gut für einen Roadtrip ausgebaut ist. (Per Knopf verstellbare Rückbänke, die sich automatisch in zwei Betten vewandeln – mmmmhh, fantastisch!!) Trotz der Kosten und des Risikos eines stressigen Verkaufs entschließen wir uns den Wagen zu kaufen. Und wollen morgen mit der Überprüfung bei der Autowerkstatt weitermachen.
Tag 4: Die Überprüfung kostet uns $100, angesichts der Wichtigkeit scheint uns das aber angemessen. Und das war es auch. Obwohl der Verkäufer das Auto gut in Schuss gehalten hatte und sogar noch einige Rechnungen der letzten Monate in Höhe von $3500 Reparaturarbeiten zeigen konnte, stellt sich etwas heraus, was Bauchschmerzen verursacht. Der Wagen, so die Werkstatt, sei zwar größtenteils in Topschuss für sein Alter und seine gefahrenen Meilen, jedoch droht die Aufhängung vorne kaputt zu gehen. Mit anderen Worten: Es könnte sein, dass der Wagen bei der Fahrt einfach bricht und uns die Vorderachse zerschlägt. Kostenpunkt einer Reparatur: ca. $1000. Der Mechaniker meint, auf amerikanischen Straßen sei das Risiko zwar gering, und die sog. Front Suspension noch in passablem Zustand. Für mexikanische und mittelamerikanische Verhältnisse hingegen sollten wir unbedingt eine Reparatur vorab vornehmen, zumal dort kaum Ersatzteile für solche alten Modelle vorhanden seien.
Aaaargh! Bummer!
Wer übernimmt diese Kosten nun? Der Verkäufer meint er würde den Verkaufspreis noch auf maximal $3100 senken, wenn wir die Reparatur übernehmen. Bleiben noch die $600 Versicherung, $200 Anschaffungskosten und $1000 eben für die Reparatur – macht $4900. Bei derzeitigem Umtauschkurs ca. 4000€.
Wir überlegen uns nun, wie wir das Ganze aufteilen. Da wir dem Auto ohne die Reparatur nicht trauen, wollen wir die Aufhängung unbedingt reparieren, egal wie weit wir fahren. Damit lohnt sich aber der Verkauf in Kalifornien nicht mehr und wir müssten das Auto zwangsweise nach Panama fahren. Da Björn aber maximal bis Mexico mitkommen kann, tüfteln wir aus, wer was übernimmt. Wir rechnen mit Abkaufpreis, Ersparnissen durch Schlafen im Hostel hin und her und versuchen herauszufinden, was das jeden von uns kostet. In deutscher Manier mit Absicherungswahn und BWLer Hintergrund schaffen wir es 3 Stunden damit zu verbringen. Die Köpfe qualmen wieder.
Für mich sieht es so aus – je nach dem wie lange Björn mitfährt entstehen Kosten von $2500-$3000 Dollar + Plus Benzin. Puuh.
Dazu recherchiere ich nochmal was es bedeutet in Mexiko und Mittelamerika zu fahren, im Auto zu schlafen, und das Auto wieder zu verkaufen. In Mexiko scheint Fahrt und Übernachtung möglich, aber nicht gänzlich ungefährlich zu sein. In Mittelamerika drohen vor allem schmale Bergpässe die Fahrt im Van mit Überbreite zu gefährden. Zudem fahren wir die ganze Strecke in lateinamerikanischem Gebiet mit amerikanischem Nummernschild – nicht unbedingt ein Sicherheitsfaktor. Schließlich scheint das ärgste Problem zu sein, das Auto in Panama zu verkaufen. Man müsste es formell importieren und damit erhebliche Einfuhrzölle u.ä. bezahlen. Dazu weist jede Quelle auf die Notwendigkeit der Bestechung der einzelnen Behörden hin. Der ganze Prozess wirkt überaus bürokratisch.
Und so kommt es dann zur Entscheidung:
Auf der einen Seite stehen Fahrspaß und das Erlebnis eines Roadtrips.
Auf der anderen Seite stehen die Kosten, die Notwendigkeit die USA schon nach 7 Wochen zu verlassen, die Probleme beim eventuellen Verkauf in den USA, die Sicherheitsprobleme in Mexiko, die Straßenbedingungen in Mittelamerika, Stress beim Umgang mit panamaischen Behörden, …
Einzelne dieser Nachteile wären zu ertragen, in Summe wirken sie jedoch erdrückend. So entschließen wir uns – schweren Herzens und trotz allen Aufwands – das Auto nicht zu kaufen. Es wäre es einfach nicht wert.
Was bleibt stattdessen? Ich bin noch bereit, nach einem anderen Fahrzeug zu gucken, was weniger kostet, da das für mich der Knackpunkt ist. Björn hingegen will aber unbedingt losfahren und keinen Tag länger nach Autos suchen, sodass diese Option ausscheidet. Und so kommt es, dass wir nach 4 Tagen, unheimlichem Aufwand und dauernd qualmenden Köpfen letztlich doch wie fast alle entlang beschließen einen Mietwagen zu nehmen. Ta Da!

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